Plattenstrasse


Matura

Maturastreich. Die Schule wurde von zehn Plagen heimgesucht, weil sie die Absolventen nicht hatte ziehen lassen (siehe 2. Buch Mose). Deren erstes Fazit aus dem alttestamen­tarischen Gewirr: In den Leitungen musste Blut fliessen. Indem sie Klassenzimmer in Froschteiche verwandelten, 500 Heuschrecken im Lehrerzimmer aussetzten und die ersten Söhne als Puppen über Blutlachen hängten, versöhnten sie sich endgültig mit ihrer Schulzeit. Die Mathelehrer*innen würden sich bald mit ihnen freuen, „geht doch!“ und „wieso nicht früher?“. Der sonst sehr cholerische Hausmeister sah seelenruhig zu, wie die Maturanden vom Aussentreppenhaus aus Farbpulver auf die anderen Schüler warfen. Die hüpften zur Musik in den Farbwolken herum und beklatschten die Ansprache der Absolventen. Nie war ein Maturastreich so schön gewesen.

Als die Playlist fast durch war, begannen alle zusammen, den Platz wieder sauberzumachen. Die Jüngeren schoben das von den Älteren hingeschmissene Schulzeug im Rhythmus der letzten Takte zusammen, als täten sie nichts lieber. Wie frei sich das Ganze anfühlte ... Aber im Rückblick auch: wie brav. Alles in geordneten Bahnen – als würde die Schule weitergehen.

Letztes Jahr hat es Ärger gegeben. Die Maturanden haben überall Pornobilder aufgehängt und sich sonst wie skandalös benommen. Eigentlich ganz harmlos, gesetzlich wird so etwas häufig als „jugend­licher Unsinn“ abgetan und kaum bestraft.

So. Und wann macht hier einer wirklich mal sein Ding? Haut so richtig auf die Kacke? „Wer möchte nach dem Abschluss gleich ein Studium beginnen?“ Zwei, drei halbhoch gehaltene Hände. Alle wollen frei sein, selbständig, reisen. Sie machen schliesslich, was sie wollen, haben auch schon Sport geschwänzt – aber natürlich zu selten, um ernsthafte Probleme mit den Lehrerpersonen zu bekommen. Schule, Abschluss, Zwischenjahr mit Arbeit, Praktikum und Reisen, dann ein Studium. Das Bildungssystem geht weiter. Die Vietnamreise und der Job im Café gehören in den Lebenslauf. Klar, Olga ist in Wien und Lili bald in Deutschland, manche verlassen sogar den Kontinent. Aber bei aller Wahlfreiheit klammern sich doch die meisten an ein so bequemes wie gesellschaftlich anerkanntes Gerüst. Kuba oder Thailand – „same, same –but different“. Gibt es einen Trost? Ja, den gibt es: In Deutschland ist es schlimmer. Da hat man inzwischen das sogenannte FSJ, das „Freie soziale Jahr“, erfunden. Was erst mal nach einem Synonym fürs in der Schweiz verbreitete „Zwischenjahr“ klingt, ist im Grunde eine Ausweitung des Schulsystems auf vierzehn Jahre. Die FSJ-ler melden sich bei einer Agentur an und werden dann für ein Jahr in einem im weitesten Sinne sozialen Bereich beschäftigt. Sie sind keine Praktikanten, sondern eher Dauerschnupperlinge in einem Betrieb.

Kann man das wirklich wollen? Anscheinend schlägt die Unsicherheit am Ende der Schulzeit das Streben nach Freiheit und Selbständigkeit. Junge Erwachsene, die sich für ein Zwischenjahr entscheiden, tun wenigstens noch so, als würden sie ihr eigenes Ding durchziehen. Und hey, ein gewisses Mass an Selbständigkeit ist beim Reisen, Bewerben und Arbeiten ja tatsächlich gefragt.

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