Hausräumung in Zürich-Seebach


Von fliegenden Schreibmaschinen, vergammelten Turnschuhen und Pornos unterm Bett

Mit einer halbstündigen Verspätung komme ich mit einem der Männer in Seebach an. Wir werden nicht gerade herzlich empfangen: Der Hausbesitzer ist alles andere als glücklich darüber, dass wir so lange auf uns haben warten lassen. Wie ich hätte der alte mürrische Herr wohl lieber noch etwas länger geschlafen. Nach einer etwas mickrigen Hausführung wird auch mir klar, dass die drei eingeplanten Tage für die Räumung knapp berechnet sind. Das Haus ist riesig, und es eine Bruchbude zu nennen, wäre definitiv nicht falsch. Die Wände und Böden sind in keinem formidablen Zustand, das ganze Ge­bäude wirkt ziemlich herunter­ge­kom­men. Trotzdem stimmt die Atmosphäre – alles scheint seinen Platz zu haben. Ich freue mich jetzt schon, im ganzen Haus herumzustöbern und alten Ge­heim­nissen auf die Spur zu kommen.

Wir haben uns um 7.30 Uhr beim Arche-Brockenhaus in Altstetten getroffen: Ich kann nicht genau einschätzen, was ich an diesem heutigen Tag erleben werde. Ich trage meinen Lieblingscardigan und eine bequeme Hose, die sich gut auch zum handfesten Arbeiten eignen. Trotz­dem fühle ich mich leicht over­dressed. Ich bin pünktlich und werde bereits von Michael* erwartet. Er zeigt mir kurz das Büro und erklärt mir im Schnell­durch­lauf, was wo ist und was all die Zettel an der Wand bedeuten. Es sind Offerten, die das Arche-Brocki seinen Kunden macht, in unserem Fall ist es nun jene für eine dreitägige Hausräumung. Das Brockenhaus Arche ist eine Anlaufstelle für Ausgesteuerte sowie für Menschen mit psychischen Störungen oder Sucht­problemen. Die Arche bietet ihnen Arbeit, hilft den Arbeitern, neue Per­spek­tiven zu gewinnen und ihr Leben zu stabilisieren.

Im Hauptsaal des Brockis sitzen mit uns unterdessen zwei weitere Männer am Tisch, die nun zum ersten Mal hören, dass ich sie heute begleiten werde. Einer fehlt, Damir hat nach einer Partynacht am Vorabend verschlafen. Nach einer Viertelstunde ist er immer noch nicht erreichbar, und Michael macht sich mit Pablo auf, den Langschläfer zu Hause zu wecken und abzuholen. Ich ärgere mich in der Zwischenzeit darüber, dass ich nicht selber länger geschlafen habe, ich habe nämlich erfahren, dass wir uns auf den Weg nach Seebach machen. Seebach wäre von mir zu Hause aus ein Katzen­sprung gewesen, den langen Umweg über das Arche-Brocki in Altstetten hätte ich mir sparen können.

Als dann die anderen drei Männer mit dem verschlafenen Damir in Seebach zu uns stossen, geht die Arbeit richtig los. Sie laden mit plötzlich geballter Energie Kisten aus den Lastwagen und trennen die guten Dinge von den schlechten. Gute Dinge sind alle Gegenstände, die nicht mangelhaft sind und sich im Brocken­haus weiterverkaufen lassen. Alles, was defekt oder bereits im Über­mass vorhanden ist, wandert in die «schlechte» Kiste oder gleich in Abfall­säcke. Die guten Sachen sind noch nicht über den Berg: Sie müssen eine weitere Sortierphase überstehen und landen erst dann im Brockenhaus zum Verkauf. Glas und Metall werden strikt getrennt. Die Arbeit geht schnell voran und Zimmer für Zimmer wird langsam leer. Ich bin sehr fasziniert von der Sortier- und Ausmistarbeit, fühle mich richtig in meinem Element. Ich haste von Raum zu Raum und biete bereitwillig meine Hilfe an. Etwa fünf Mal weisen mich die galanten Herren darauf hin, dass ich nur die leichten Sachen tragen soll und dass die schweren Gegenstände von ihnen übernommen werden. Sie unter­schätzen meine Muskeln.

Gegen zehn Uhr gibt es eine Kaffee­pause ohne Kaffee. Den konnten sie nicht hervorzaubern. Danach füllen wir Abfallsack um Abfallsack mit ver­schie­denstem Gerümpel – von alten Pfannen mit wahnsinnig viel Schimmel, abge­laufenen Esswaren und vergam­melten Turnschuhen sowie alten Fotos und Gläsern bis hin zu Pornos und Bier­flaschen aus dem Kinderzimmer. Tat­sächlich finde ich gemeinsam mit Michael verschiedenste Erotikfilme mit zugehörigem DVD-Player. Klischee­hafter könnte es kaum sein: versteckte Pornos unterm Bett, Bierflaschen hinter dem Schrank und Wichsflecken auf der Matratze. Dieser niedliche, kleine Junge, der auf verschiedenen Bildern im Zimmer zu sehen ist, ist offenbar unter­dessen ziemlich erwachsen geworden.

Nach den glorreichen Entdeckungen vom Vormittag essen wir unsere mit­gebrachten Sandwichs zu Mittag. Die Gespräche drehen sich um Autos, die von den Männern mit enormen Ge­schwindigkeiten auf deutschen Auto­bahnen bewegt werden. Einige der rasenden Arbeiter mussten ihren Führerschein vorübergehend abgeben, andere haben in acht Jahren noch keine einzige Busse erhalten. Nach unserer kleinen Stärkung geht es weiter. Wir sind gut vorangekommen am Morgen. Jetzt geht es vor allem darum, die Schränke und Kommoden, die inzwischen geräumt sind, zu entsorgen. Einige werden weiterverkauft, die meisten aber zerstört. Mir wird ein riesiger Hammer in die Hand gedrückt: Ich solle doch auch einmal probieren, ein Möbel zu zerschlagen. Pablo und Michael haben ihren Spass. Ich stelle mich total ungeschickt an und kann nur mit Mühe mit diesem schweren Hammer aufs Holz einschlagen. Das sieht bestimmt witzig aus, ich hätte mich selber genauso ausgelacht.

Der ganze Abfall muss aus dem Haus raus und in die zwei Lastwagen gefüllt werden. Anstatt alles aus dem dritten Stock das Treppenhaus herunter­zutragen, legen wir drei Matratzen auf den Gehsteig und werfen alles kurzer­hand aus dem Fenster. Der erste Gegenstand, den ich mich traue fallen zu lassen, ist ein kleiner schwerer Koffer. Damir merkt schnell, dass da etwas schiefläuft: Ob wir diese Schreib­maschine wirklich entsorgen wollen? Nein, natürlich nicht! Das war keine Absicht und wohl ein Fehlwurf. Was für ein Spass, diese kaputtgeschlagenen Möbel auf die Strasse zu schleudern!

Ich helfe überall mit und lade zusammen mit Pablo die beiden Lastwagen voll. In einer kurzen Pause sagt er mir, dass ich seiner Tochter unglaublich ähnlich sähe. Auf seinem Handy zeigt er mir ein Bild von ihr zusammen mit ihrer Mutter – und tatsächlich: Die junge Spanierin sieht mir sehr ähnlich. Und Pablos Ex-Frau erinnert mich an meine Mutter! Als ich ihm das sage, meint er bedauernd, dass er meine Mutter nicht kenne, und lacht. Nach und nach werden die beiden Lastwagen gefüllt, die Sonne glüht inzwischen richtig stark und der Frühling grüsst ein erstes Mal dieses Jahr. Einen kurzen Moment lang empfinde ich Mitleid mit meinen Schulkamerad/innen, die jetzt in einem Klassenzimmer sitzen und keine Sonnenstrahlen abbekommen. Aber dann kommt auch schon der nächste Sack geflogen und ich werde gebraucht.

Die Lastwagen sind voll und der heutige Tag neigt sich dem Ende zu. Nun müssen wir mit dem ganzen Abfall ins Hagenholz fahren und alles, was nicht Glas oder Metall ist, im grossen Loch, wie Pablo es nennt, verschwinden lassen. Das Arche-Brocki hat einen Vertrag mit der Kehrichtverbrennung abgeschlossen, es kann seine Ware billiger entsorgen – die Brockenstube kommt schliesslich fast jeden Tag hier vorbei. Den ganzen Abfall in dieses Loch zu werfen, macht gleich doppelt Spass. Zusammen mit Michael und Pablo versuche ich möglichst viele Fenster­gläser und Spiegel zu zerstören, so, dass möglichst viele Splitter entstehen. Das alles tun wir, ohne darauf zu achten, dass das wohl sieben Jahre Unglück mit sich bringen könnte. Zur Krönung des Tages werde ich nach Hause gefahren und erhalte als Dank für meine Hilfe die unversehrte Schreibmaschine, die ich ein paar Stunden zuvor versehentlich aus dem dritten Stock geworfen habe.

*Alle Namen im Text wurden geändert.

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