Ein kleiner Schneereport aus Genf


Heute Morgen bin ich aufgewacht und als ich meine Vorhänge aufgezogen habe, habe ich mich gefühlt wie in einem Film: Der Garten war schneeweiss, es hatte über fünfzehn Zentimeter geschneit. Ich schaute auf mein Handy und die ersten Nachrichten, die ich zu lesen bekam, handelten von Verspätungen auf Grund des Schneefalls. Es hatte auch in Zürich geschneit und meine Klassenkameraden schafften es nicht rechtzeitig in den Unterricht. Mit grosser Mühe kämpfte ich mich durch den Tiefschnee in meinem Garten an die Bushaltestelle, um mit den anderen Passanten auf die Nummer 34 zu warten. Zuerst fünf, dann zehn, dann zwanzig Minuten. Die mutigen Kleinen, die nicht so weit in die Schule haben, gingen schliesslich zu Fuss. Ich blieb mit einem Jungen aus meiner Schule zurück, der Bus schien nicht zu kommen. „On va faire du autostopp?“ „J’hésite..“. Mehrmals schlug ich ihm diese Möglichkeit vor, doch die Antwort blieb dieselbe. Schliesslich liess er sich dann doch noch überzeugen, schon das zweite Auto erklärte sich bereit, uns mitzunehmen. Es gehörte zu einem jungen, gesprächigen Pärchen, das sich sehr über die Flachwitze meiner Begleitung amüsierte. In der Zwischenzeit hatte ich meiner Freundin in Zürich geschrieben: "Es hat fünfzehn Zentimeter geschneit und ich muss per Autostopp in die Schule!" Sie antwortete, dass es in Zürich einen Zentimeter geschneit habe und sie von Wiedikon bis nach Oerlikon über die Hardbrücke in die Schule laufen müsse. Nach einer Weile mussten wir das warme Auto wieder verlassen und ein neues stoppen. Mein Begleiter faltete während der zweiten Fahrt ein Origami: Eine Skeletthand. Ich dachte, er schenke sie mir zum Abschied, aber das war leider Fehlanzeige. Auch der zweite Fahrer erwies sich als sehr hilfsbereit und fuhr uns sogar über einen Umweg direkt vor die Schule. Mit einer Stunde Verspätung kam ich schliesslich in meinem Klassenzimmer an. Ich war aber bei langem nicht die Letzte, einige Schüler kamen gar nicht erst in die Schule, andere schlichen sich noch in der dritten Lektion ins Klassenzimmer.

Am Mittag wollte ich in meiner dreistündigen Pause eigentlich nach Hause gehen, doch das war unmöglich. Der 34er-Bus kam und kam nicht, also entschied ich mich stattdessen, in die Stadt zu fahren. Erneut wartete ich über zwanzig Minuten auf den Bus Nummer 5. Dieser Bus war komplett überfüllt und dementsprechend auch ziemlich schwer. Die Strasse war noch immer schneebedeckt und der Fahrer musste den Schnee schon fast vor sich her schieben. Mehrmals rollte er zwei, drei Meter rückwärts den Hang hinunter, so kamen wir nur in einem Schneckentempo vorwärts. Nach gut sieben Minuten meisterte der Fahrer die Strecke schliesslich. Der ganze Bus johlte und applaudierte.

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