Das Matrosenoutfit
Wenn meine Outfits die nächsten drei Wochen scheisse aussehen, ist das nicht meine Schuld. Mit einem kritischen Blick betrachte ich mich im Spiegel, während das laute Tut-Tut meines Handys durchs Zimmer hallt. Seufzend gebe ich auf, schicke meiner Schwester nur ein Spiegelselfie und kommentiere es mit: «Sehe ich aus wie ein Matrose?» Ich kann ihrer Antwort nur noch 3 Minuten Zeit geben, dann muss ich aufs Tram.
Unsicher zupfe ich an meinem blau-weiss gestreiften Langarmshirt herum und versuche, zu erkennen, wie es wirkt, wenn ich es in meine weisse Jeans stecke. Ein Blick auf mein Display, immer noch nichts. Trotz den zwei grauen Haken. Dann hat sie es wenigstens endlich geschafft, ihre E-SIM für England zu aktivieren. Noch zwei Minuten und ich weiss immer noch nicht, ob ich so aus dem Haus kann.
Ich bin kurz davor, eine Freundin anzurufen, auch wenn das kaum hilfreich sein wird. Sie wird mir sowieso nicht sagen, dass es abscheulich aussieht, und das Risiko einer halbehrlichen Bewertung kann ich nicht eingehen.
Nochmals drehe und wende ich mich vor dem Spiegel und vermisse die Zeit, in der ich nur die Tür des Zimmers neben mir aufreissen musste und schon am Blick meiner Schwester erkannte, ob meine Outfit-Konstellation gelungen – oder missraten ist.
Noch eine Minute. Ich checke auf der ZVV-App erneut, ob mein Tram wirklich gleich losfahren wird, als endlich ihr Name auf dem Display erstrahlt. Mein Finger schnellt auf den grünen Akzeptieren-Knopf und ihr müdes, zerknautschtes Gesicht erscheint auf meinem Screen. «Es ist so hässlich, oh mein Gott. Schiff ahoi, oder wie?» Sie legt auf. Ich liebe es, eine Schwester zu haben.
